Raus aus der Stadt

Seit 50 Jahren bieten "Tage im Grünen" Ferienspaß auch für schmale Geldbeutel

Bremerhaven (epd). Schon die Logistik ist beeindruckend: Eine ganze Busflotte kurvt morgens durch Bremerhaven. An mehr als 30 Haltestellen sammeln sie Kinder ein, um sie zu Spiel, Sport und Spaß in den nahe gelegenen Wald bei Drangstedt zu bringen. Abends geht es wieder zurück - und das neun Tage lang. Zu Beginn der Sommerferien freut sich die Stadt seit mittlerweile 50 Jahren auf ihre "Tage im Grünen", die von der evangelischen Kirche organisiert werden. Die einzigartige Form der Stadtranderholung haben seit dem Start 1964 schon fast 300.000 Mädchen und Jungen miterlebt. Für ein Taschengeld.

"Anfangs kostete ein Tag 40 Pfennig, heute sind es zwei Euro", sagt Stadtjugenddiakon Daniel Tietjen, der zusammen mit fast 60 meist ehrenamtlichen Helfern die "Tage im Grünen" stemmt. "Neben den Kindern und der Natur sind die Ehrenamtlichen der größte Schatz, viele opfern sogar ihren Jahresurlaub, um dabei zu sein", schwärmt er. Um auch Kindern zwischen sechs und zwölf Jahren aus Familien mit schmalem Geldbeutel die Teilnahme zu ermöglichen, gibt es Gutscheine, die den Teilnahmebetrag noch einmal halbieren.

"Ferien für einen Tag: Aus den Mietwohnungen und Straßen in die Natur" war 1964 das Motto des evangelischen Pastors Martin Ruhfus, der die Aktion zunächst nur für eine Straße in Bremerhaven-Lehe startete. Doch bald ergriff "TiG", wie die Initiative kurz genannt wird, die ganze Stadt. Zu den Höhepunkten gehört ohne Zweifel das Jahr 1974 - und das nicht nur, weil damals mit fast 11.000 Teilnehmern in einem einzigen Jahr die meisten Kinder nach Drangstedt fuhren. Absoluter Magnet war damals Désirée Nosbusch, die als singender Kinderstar das TiG-Publikum begeisterte.

Über die Jahrzehnte entwickelte sich die Aktion zum Spiegelbild der Sozialgeschichte in der Arbeiterstadt, die mit ihrer Werft- und Fischereiindustrie bis heute schwierige Zeiten und eine hohe Arbeitslosenquote meistern muss. So waren 1972 erstmals Hunderte Kinder von "Gastarbeitern" dabei, meist aus türkischen Familien. Dolmetscher machten zuvor Hausbesuche, um für TiG zu werben.

Mit Erfolg. Was allerdings auch Einfluss auf die traditionelle "Milchpause" mittags auf dem Gelände der evangelischen Freizeit- und Bildungsstätte im Drangstedter Wald hatte, bei der bis heute rund 50.000 Liter ausgeschenkt wurden. "Die türkischen Kinder mochten keine Milch", erinnert sich Tietjen. "Das Problem lösten die Gruppenleiter, indem sie die Milch mit Zucker süßten." Dafür boten die Kinder den Betreuern von ihrem Mittagessen großzügig scharfe Peperoni an, die wiederum für die Deutschen völlig neu waren.

"Ein richtiger Wald wie in Drangstedt war für viele Kinder aus der Stadt Neuland", blickt Tietjen zurück. "Dazu kommt, dass es in den Ferien wenig kostengünstige Möglichkeiten gibt, sich in Bremerhaven zu beschäftigen." Allerdings wurden die Kinder auch bei den TiG's immer anspruchsvoller, ergänzt die ehrenamtliche Gruppenleiterin Katharina Frieden. "Früher gab es zwei Spiele und wir haben einen Papierflieger gebaut. Heute muss man fünf, sechs Spiele in Hinterhand haben. Und die Kinder können sich kaum noch länger konzentrieren."

Deshalb sind natürlich auch Regeln wichtig. Wer in den Wald ausbüxt oder anderen ein blaues Auge schlägt, bekommt wie auf dem Fußballplatz die "Gelbe Karte". Doch das sei selten, sagt Tietjen. "Und nach wie vor sind die Kinder von Klassikern wie dem Kaspertheater, der Schnitzeljagd, Fußball und Hüttenbau begeistert", freut er sich auf das Programm, das an diesem Donnerstag startet. Und zu dem längst auch behinderte Kinder eingeladen sind.

Am TiG-Etat in Höhe von rund 70.000 Euro beteiligen sich neben Kirchenkreis und hannoverscher Landeskirche die Stadt Bremerhaven und Langen, der Landkreis Cuxhaven und private Spender. Und auch wenn die Gruppenleiter an manchen Tagen 16 Stunden auf den Beinen sind, der Einsatz lohnt sich, ist Katharina Frieden überzeugt. "Man lernt nicht nur, mit den Kindern umzugehen, sondern auch viel über sich selbst." (8034/28.07.14)

epd, Dieter Sell

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