Juli 2016

Darum nehmt einander an, wie Christus euch angenommen hat zu Gottes Lob.
Römer 15,7
 

Angenommen werden, so wie man nun einmal ist! Wie das Leben uns geprägt hat. Mit allen Ecken und Kanten. Einfach angenommen werden – diese Sehnsucht tragen wir wohl fast alle in uns. Und gerade in der Liebe spielt sie eine große Rolle. Nicht umsonst ist das Wort von Paulus ein gern gewählter Trauspruch. Der Apostel dachte dabei allerdings weniger an die Liebe zwischen zwei Menschen. Er hatte eine christliche Gemeinde vor Augen, eine bunt zusammengewürfelte Gruppe, die bei aller Verschiedenheit im Alltag miteinander klarkommen musste. Das war schwierig, damals wie heute. Sonst würden wir bei Paulus nicht ständig solche Sätze hören. Ich gebe zu: Wenn jemand mir die Vorfahrt nimmt (Bremerhavener Spezialität!), pampig ist oder mir zu verstehen gibt, wie wenig er schätzt, was ich tue, wie ich bin – dann fällt Gelassenheit schwer. Vom Annehmen des andern ganz zu schweigen. Und ich selbst bin ja auch schnell genervt, wenn ich mir zum x-ten Mal dieselben Sprüche anhören, dasselbe Verhalten parieren muß, das mich schon immer gestört hat.

Es hilft, sich klarzumachen, dass in der Bibel die „Liebe“ gar nicht so oft etwas mit den ganz großen privaten Gefühlen zu tun hat. „Annehmen“ heißt nicht gleich uneingeschränktes Ans-Herz-Drücken. Eher geht es um Achtung vor den anderen Menschen, um das Bewusstsein der Verantwortung für ihn, auch wenn er nicht mein bester Freund ist. Denn Gott hat auch diesem Menschen seine Würde gegeben und Christus ihm seine Liebe geschenkt.

Seit vier Jahren bin ich Pastorin an der Marineoperationsschule und begleite Soldatinnen und Soldaten auch in Einsätze. Für die jungen Männer und Frauen in der Grundausbildung steht dabei regelmäßig ein sogenannter „Erstkontakt“ mit der Militärseelsorge auf dem Unterrichtsplan. Viele kommen dabei tatsächlich zum ersten Mal mit einem Menschen ins Gespräch, der für „Kirche“ steht. Ein solcher Vormittag vergeht oft wie im Flug, weil beide Seiten so viel zu fragen und zu erzählen haben. Die Rekrutinnen und Rekruten berichten dabei oft: Zum ersten Mal erleben sie ganz konkret, was „Kameradschaft“ bedeutet – tatsächlich zählt sie ganz nüchtern zu den soldatischen Pflichten. Doch im Zusammenleben auf Stube – inklusive der Schlaf-, Eß-, Wasch- und Aufräumgewohnheiten der anderen – kann das eine ganz schöne Herausforderung bedeuten. Aber auch die Erfahrung von Hilfsbereitschaft, Zusammenhalt, Verständnis steht dahinter. Und das alles eben zusammen mit Menschen, die man sich –ich zitiere einen Soldaten – „weder ausgesucht noch vorher gekannt hat.“ Es kann klappen!

Darum nehmt einander an, wie Christus euch angenommen hat zu Gottes Lob.

Menschen annehmen, die ich mir nicht ausgesucht und nicht vorher gekannt habe; Menschen, die ganz anders sind, ganz anders ticken als wir – was das vor einem bewusst christlichen Hintergrund bedeuten kann, erfuhren wir bei einer unserer Soldatenfreizeiten in Berlin. Wir lernten die Arbeit der Stadtmission kennen, besonders deren Arbeit mit Obdachlosen. Oft sind das Menschen, die buchstäblich schon anders riechen, schwer angeschlagen an Leib und Seele. Sie werden aber dort in den Schlaf-Unterkünften als Gäste angesehen, deren Privatsphäre zu achten ist, die an einem Kiosk kleine Einkäufe machen können und die bestimmte Regeln für ihren Aufenthalt dort einhalten müssen. Und gerade dass es solche Regeln gibt – das ist nicht nur eine praktische Notwendigkeit, so wurde uns erklärt. Denn wenn man einem jemand nach wie vor die Einhaltung von Regeln zumutet und zutraut – dann achtet man darin auch seine Würde. Denn auch in einem ganz verstörten Menschenleben steckt Gottes Geschöpf, blitzt die Liebe unseres Gottes auf. Gottes Liebe, der uns durch Christus gezeigt hat, dass er niemand jemals aufgibt. Amen.

 

Pastorin Kerstin Jaensch / Marineoperationsschule Bremerhaven

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