Himmel und Erde sind dein

Lange bevor der Mensch das Rad oder den Ball erfunden hat, ist der Kreis eine Urform der Natur, von Gottes Schöpfung – im Großen wie im Kleinen. "Himmel und Erde sind dein, du hast gegründet den Erdkreis und was darinnen ist", heißt es im 89. Psalm. Die Erde ist rund – die Menschen der Antike haben sie als Scheibe gesehen, wir wissen, dass sie eine Kugel ist. Unter dem Firmament des Himmels kommen wir uns manchmal wie unter einer riesigen runden Kuppel vor – tags beleuchtet und erwärmt von der Sonne, nachts beschienen vom Licht des Mondes (auch diese beiden Himmelskörper sind rund). Große Zusammenhänge in der Welt nennen wir kreisförmig: den Jahreskreis, weil er ein immer wiederkehrender Kreislauf ist; den Lebenskreis eines Menschen (obwohl unser Leben nicht so verläuft, sondern einen Anfang und ein Ende hat).

Aber der Mensch hat wohl Gefallen am Kreis, dieser perfekten Form, die ihm durch die Schöpfung vorgegeben ist. Davon zeugen uralte Steinkreise und runde Tempel, einfache Rundhütten, die Gefäße der ersten Töpfer und antike Schmuckstücke. Auch in unseren Häusern und auf unseren Straßen "geht es rund": ein Blick in den Küchenschrank genügt – oder auf die Uhr, leg eine CD ein, näh einen Knopf an; nimm das Lenkrad in die Hand und fahr auf deinen vier Rädern um einen Kreisel – aber bei dem runden weißen Schild mit dem roten Ring darfst du nicht durch (es sei denn, du gehörst zum Kreis der Anwohner). Sogar völlig unregelmäßig geformte geographische Gebilde nennen sich: Landkreis. Oder die Gruppen einer Kirchengemeinde: Kreise – selbst, wenn die Senioren um eckige Tischgruppen sitzen.

"Himmel und Erde sind dein, du hast gegründet den Erdkreis und was darinnen ist." – Was darinnen ist, zieht manchmal nur kleine und unscheinbare Kreise: zarte, vergängliche Kreise auf der glatten Wasseroberfläche, wenn etwas hineinfällt; das filigrane Radnetz einer Spinne; Jahresringe eines Baumes, erst sichtbar, wenn man ihn absägt; Steine, vom Wasser und anderen Steinen kugelrund geschliffen. Was wäre der große Weltkreis ohne sie! Und was wäre unsere Welt ohne Erfindungen wie den Fußball, den Mühlstein, die Trommel!

Wenn die Welt auch kein Rundum-sorglos-Paket bietet – das alles ist (G)rund genug, den Mund zu einem O zu formen und Gott, der die Mitte ist, rundweg zu loben: "Ihn, um den die Sterne kreisen, ihn, der alle Himmel kennt, preist ihn, der in unsern Nächten heller als die Sonne brennt. Preist den Tag und die Nacht! Preist die Nacht und den Tag! Preist die Sonne, preiset die Erde, preist den Herrn aller Welten."

Matthias Schäfer – Martin-Luther-Kirche Wulsdorf

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