September 2012

Auf meine Frage, wohin denn ihr Urlaub ginge, sagte mir die ältere Frau: Von Urlaub würde sie nicht mehr sprechen, seitdem sie im Ruhestand sei. „Kinder machen Ferien, Erwachsene Urlaub und Rentner reisen“, meinte sie. Eine spannende Unterscheidung, dachte ich, aber stimmt. Von Urlaub spricht man nur, wenn man sich von der Arbeit erholen will. Wer im Ruhestand ist, bei dem steht nicht die Erholung im Mittelpunkt, sondern das Reisen, um noch etwas von der Welt zu sehen.
Mehrere Wochen später traf ich auf eine Frau, vielleicht so Mitte Fünfzig, die bei mir vor der Tür stand und um Unterstützung für sich, ihre Tochter und ihre Enkelin bat. Das Geld würde in diesem Monat nicht reichen. Wir kamen auf die Urlaubszeit zu sprechen. Auf einmal sagte sie: „Urlaub, was ist das denn? Kenne ich gar nicht.“

Auch ihr hätte Urlaub bestimmt gut getan. An Zeit mangelte es ihr vermutlich nicht, da sie keine Arbeit hatte. Aber Urlaub macht nur der in unserer Gesellschaft, der auch Arbeit hat. Und das nicht nur, weil einem dann eher das nötige Geld zur Verfügung steht, sondern auch weil Urlaub das Pendant zum vielbeschäftigten Einsatz an der Arbeit ist. Die Gesellschaft und man selbst gesteht sich Urlaub nur in diesem Fall zu. Man darf wegfahren und sei es nur auf den Campingplatz nach Spaden. Wenn jeder Tag gleich ist und es keine Strukturierung in Zeiten der Arbeit und Zeiten der Erholung gibt, dann entfällt nicht nur die Arbeit sondern auch die Erholung. Dabei bräuchte man genauso dringend Abwechslung. Damit die Gedanken nicht immer um das Gleiche kreisen, z.B. ob das Geld noch bis zum Monatsende reicht. Kathrin Hoffmann greift in ihrem Buch „Wir müssen leider draußen bleiben“ die zunehmende Zweiteilung in unserer Konsumgesellschaft auf. In einem Interview schilderte sie von ihren Beobachtungen. Von den Tafeln z.B., die Gutes im Sinn haben, aber die Politik und Wirtschaft von ihrer Verantwortung entbinden und von den Nutzern Dankbarkeit erwarten über das, was andere ihnen überlassen und was eigentlich zum Wegwerfen bestimmt war. Diese Woche vielleicht Gurken, nächste Woche Tomaten. Freie Wahl ist etwas Anderes. Stimmt, verhungern muss keiner in unserem Land. Dafür bin ich dankbar. Aber arm sind dennoch Menschen in unserem reichen Land. Und es geht um mehr als das, was auf dem Tisch steht, es geht um die Zugehörigkeit zur Gesellschaft, es geht um Teilhabe. Christlich gedacht um die Gemeinschaft von Schwestern und Brüder, in der alle Glieder ein Leib sind.

Pastorin Andrea Schridde

Zurück