Advent - eine Sehnsucht nach Geborgenheit

Als die Hirten gegangen waren, wurde es still im Stall. Die Ruhe tat Maria und Joseph gut. Lange schauten sie sich schweigend an. In ihren Blicken lang ein Glanz der Freude, der Dankbarkeit und des Stolzes: Es war ihr Kind, das da im Futtertrog lag. Aber es gab auch Fragen: Was bedeuteten die Worte der Hirten? Warum fand ihr Kind so viel Beachtung, wo sie doch Stunden vorher noch händeringend darum betteln mussten, überhaupt einen Platz zu finden, um das Kind zur Welt bringen zu können? Welche Zukunft hatte ihr Kind? Wie würde ihre eigene Zukunft aussehen mit diesem neuen Menschenkind? Unsicherheit, Angst und Zweifel mischten sich mit ihrer Freude und ihrem Stolz.

 

Ein leises Weinen schreckte Maria und Joseph aus ihren Gedanken auf. Das Kind – was hatte es? Hunger? Kälte? Oder war das alles zu viel geworden, diese Hektik gleich nach der Geburt? Maria nahm das Kind aus der Krippe, wickelte es in eine alte Decke und zog es ganz dicht an sich heran. Langsam wurde das Kind wieder ruhig. Was war es, das so beruhigend wirkte? Vielleicht die leisen Worte der Mutter? Oder das alte Schlaflied, das sie summte? Oder war es die Hand, die Maria behutsam auf den Kopf des Kindes legte? Und während sich das Kind beruhigte, spürte Maria, dass von ihr eine tröstende Kraft ausging, eine Kraft, die irgendwie von dem kleinen Menschenkind erwidert wurde. Sie spürte, wie ihre Angst und ihre Zweifel einer Zuversicht wich, die das Kind ihr gab.
Gott spricht: „Ich will euch trösten, wie einen seine Mutter tröstet“ (Jes. 66,13). Wenn heute ein Kind getauft wird, wenn heute ein Jugendlicher konfirmiert wird, wenn heute ein Mann und eine Frau sich in der Kirche das Ja-Wort geben, dann legt sich dabei immer eine Hand der Pastorin oder des Pastors auf den Kopf des Menschen, die im Mittelpunkt dieser Gottesdienste stehen. Ein Zeichen des Schutzes, des Trostes, der Nähe. Das Rühr-mich-nicht-an-Prinzip unserer Zeit wird aufgehoben. Und in Segnungsgottesdiensten ist eine große Sehnsucht der Menschen nach einem Zeichen der Nähe, der Hoffnung und der Ermutigung zu spüren. Das Segenszeichen ist Symbol für die liebende Gemeinschaft, die Gott stiftet. Jeder Mensch ist darin aufgehoben und geschützt: so wie eine Mutter den Kopf ihres Kindes mit ihrer Hand behütet, um dem Kinde das Gefühl von Geborgenheit zu geben, so will Gott uns nahe sein und uns ermutigen und trösten.
In diesem Sinne wünsche ich allen eine hoffnungsvolle und ermutigende Advents- und Weihnachtszeit 
 
Johann de Buhr, Pastor der Dionysiuskirche Lehe

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