Andacht Juni 2018

Was dient unserem Selbst?

Wir haben es weit gebracht! Ein großes Maß an Selbstbehauptung, Selbstbestimmung, Selbstentfaltung, Selbstverwirklichung, mit einem Wort Selbstoptimierung ist vielen von uns zur Zeit möglich. Gemessen an den Wunschträumen und Phantasien vergangener Generationen müßte es unter uns eine ganz große Anzahl glücklicher, zufriedener, gelassener oder wenigstens ausgeglichener Mitmenschen geben, denn viele der Visionen vorangegangener Generationen sind erfüllt. Zu den vielen Selbsts kommen ja noch materieller Wohlstand, gute Krankenversorgung, große Bewegungs- und Reisemöglichkeiten, unbegrenzte Informations- und Bildungsmöglichkeiten und ein nicht dagewesenes Maß an Freizeit für viele.
Meine Beobachtungen und Gespäche mit Menschen aus meinem Alltag spiegeln mir aber ein ganz anderes Bild der Wirklichkeit. Gehetze, ängstliche, unzufriedene, zu kurz gekommene Menschen sehe und höre ich an vielen Orten. Sie ringen um Beachtung und Anerkennung, Zuwendung und Sinn für sich und ihren Alltag, werden (fast) krank daran. Diese Mitmenschen haben oft vieles, vom Eigenheim bis zur guten Bildung, nur nicht das gelassene Vertrauen, jemand zu sein, nur keinen Frieden in ihrem Herzen und in ihrer Umgebung. Und sie sagen oft, es sei vieles so sinnlos, schimpfen über vieles und viele. Mit sich selbst erlebe ich sie als gnaden- und erbarmungslos, rücksichtlos und kleinlich.

Nichts und niemand scheint uns aus dieser allgemeinen gesellschaftlichen Situation heraushelfen zu können. Wir haben uns alles und jeden auf dieser Welt zu Diensten gemacht, aber es scheint uns nichts zum Guten zu dienen. “Dienen” scheint überhaupt ein Unwort zu sein. Wer will schon jemandem oder einer Sache dienen. Und auch mit unseren Möglichkeiten, eine Dienstleistungsgesellschaft auf- und auszubauen tun wir uns schwer, sind wir noch nicht sehr weit vorangekommen.

Merkwürdig aber, die Menschen, die ich als glücklich und zufrieden, vertrauensvoll und ihrer selbst sicher erlebe, die haben sich an etwas hingegeben, die dienen einer Sache. Mag es die Familie sein oder ein anderer Mensch, mag es der Verein sein oder eine andere Gemeinschaft.

Ich selbst jedenfalls habe mich einmal berühren lassen von demjenigen, der von sich gesagt hat: Der Menschensohn ist nicht gekommen daß er sich dienen lasse, sondern daß er diene. (Matthäus 20,28) Dieses Wort Jesu wird mich durch die kommende Zeit weiter begleiten.

Pastor Martin von der Brelje, Seelsorge,
Psychologische & Ethikberatung im Klinikum Bremerhaven Reinkenheide

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